Eine Geschichtsschreibung ohne der Rolle der Arbeiter

Von Dariusz Zalega

Im Januar 1919 demonstrierten einige Hundert Arbeiter für Lohnerhöhungen in Königshütte, dem heutigen Chorzów. Das Militär schoss auf sie, es gab 17 Tote und 21 Verletzte. Im Zentrum von Chorzów gibt es nicht einmal eine Gedenktafel. Dies zeigt beispielhaft, wie auch gegenwärtig die Geschichte Schlesiens missachtet wird. Das Los der deutschen Industriellen, wie Reden, Donnersmarck, die die Wirtschaftskraft Oberschlesiens „aufbauten“, vernebeln vollkommen den Blick auf die Geschichte der oberschlesischen Arbeiter, sie waren es, die mit ihrem Schweiß und Blut Oberschlesien aufbauten. Der Arbeiter erscheint in der heutigen Geschichtsschreibung höchstens dann, wenn über seine Religiosität, seine Arbeitsmoral oder seine eigenen Kultur geschrieben wird. Aber über den Arbeiter, der sich organisierte, der um die Verbesserung seiner Situation kämpfte, fällt vollkommen aus dem Bild des Interesses. Natürlich wurde dies auch durch die Volksrepublik Polen beeinflusst, denn mit der Arbeiterbewegung tat sie sich schwer - entweder wurde sie instrumentalisiert oder verfälscht. Aber sollte dies ein Grund sein, um aus der Geschichte Oberschlesiens die eigentlichen Schöpfer – die Arbeiter – außen vor zu lassen?
Bei der Jahrhundertwende vom XIX. zum XX. war es schließlich die arbeitende Bevölkerung, die den regionalen Zusammenhalt schuf, bevor sich überhaupt so ein Gefühl einer nationalen Verschiedenheit (polnisch, deutsch und weniger schlesisch) einstellte. Auf der einen Seite erwachte ein Nationalismus und auf der anderen Seite, dort wo die Bevölkerung zumeist aus Arbeitern bestand - bei der Arbeit oder beim Streik- war es bedeutungslos in welcher Sprache gelesen wurde. Entgegen aller Stereotypen: die Arbeiterklasse zeigte sich seit Epochen besonders tolerant und offen, als höhere gesellschaftliche Schichten. Der Soziologe Edward Pietraszek stellte fest: „Die Mehrheit der Arbeiter, aber auch der Bauern hatte keine nationalen Vorurteile gegenüber denen, die eine andere Sprache sprachen. Sie sahen sie als Ihresgleichen – als Arbeiter an, ja sie wurden im Sinne der Klasse als Mitglieder derselben Gesellschaft angesehen, so auch in Oberschlesien. Schön hat dies der schlesische Schriftsteller Rafał  Urban in  „Pamiętnikach Opolan” – (Oppelner Erinnerungen) beschrieben: „Zum einfachen Volk gehörte auch der deutsch-Bauer aus der Gegend von Głubczyck, so auch der hultschiner Bauer (Gegend um Opava/Tschechien), wie auch der Bergmann aus Tarnowitz, ein anderer aus Weiß-Prudnitz, oder jemand aus Annaberg, aber ein Edelmann oder Mischling gehört nie dazu, egal ob er mit Engelszungen oder Teufelszungen redete“ *
Im XIX. Jahrhundert war für die Industriellen Schlesien ein Glücksfall, hier konnten sie das schnellste Geld machen, denn die Löhne waren niedriger als in anderen Industriegebieten Deutschlands, die Ausbeutung der Arbeiter war viel stärker, weil sie nur einen schwachen Organisationsgrad hatten, weil sie gerade  einmal aus den Dörfern in die Betriebe wechselten. Aber schon 1871 gab es den ersten Streik der Grubenarbeiter in Königshütte und zwei Jahre später eine der ersten Betriebsbesetzungen in Deutschland in der Zeche „Szarlej“ in Beuthen. Bald wurden auch die ersten Demonstrationen zum 1. Mai organisiert. Und in den Arbeitersiedlungen – ähnlich wie in Westeuropa – wurde die Kneipen zu den Zentren, wo sich die Sozialdemokratie bildete – dort wurde die Zeitung kolportiert, diskutiert.
Es kam dabei auch zu kuriosen Ereignissen: Als in Miechowice die Erste-Mai-Demo aus der Kneipe trat, versuchten die Frauen der Arbeiter sie aufzuhalten – aufgewiegelt durch den Pfarrer.
Die Zeit der Schlesischen Aufstände hatte auch Ursachen in nationalen Konflikten. Damals gab es einen starken Prozess der Aktivierung der Arbeiter und das nicht nur mit nationalen Parolen. Es entstanden Arbeiterräte, die Arbeiter attackierten Kasernen und die Direktionen der Betriebe und die Kommunistische Partei Oberschlesiens, die zeitweilig 20.000 Mitglieder hatte, erhob die Forderung nach einer Oberschlesischen Räte Republik. Schließlich hat bei diesem Konflikt dann doch der nationale Gesichtspunkt überwogen, was unter anderem dem verringertem Einfluss der Linken geschuldet war, wenn auch der Klassencharakter immer eine Rolle spielte. Während des 3. Aufstandes hat die Belegschaft der Bismarck-Hütte zwei aufständische Kompanien gebildet, deren Mitglieder haben die deutschen Direktoren in Arrest gesetzt und die Hütte besetzt. Allerdings hat das Kommando der Aufständischen diese Kompanie in einen entlegenen Ort an die Front versetzt und den Direktoren Schutz gewährt.
Eine herausragende Gestalt aus dieser Zeit war Konrad Piecuch, ein Arbeiter aus Krupski Młyn (Kruppamühle), ein Mitglied der „Polska Organizacja Wojskowa“ POW (eine konspirative militärische Formation, die aktiv an schlesischen Aufständen teilnahm), er nahm an Aufständen teil und wechselte nach der Teilung Schlesiens auf die deutsche Seite, denn „für solch ein Polen habe er nicht gekämpft“. Piecuch war dann Mitglied der KPD und wurde 1932 von der SA ermordet. Ein ähnliches Schicksal ereilte Karol Śliwka aus dem schlesischen Cieszyn, der ebenfalls aktiv bei den Arbeitern war. Auch er war Mitglied der POW, dann Abgeordneter für die Kommunisten im tschechischen Parlament, wurde nach der Besetzung dieses Gebietes durch Polen verhaftet und später von den  Faschisten ermordet. Es gab weitere komplizierte Schicksale schlesischer Aktivisten unter den Arbeitern.
In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war der deutsche Teil Oberschlesiens eine der letzten Bastionen der Linken, die gegen die Nazis kämpften. Erinnert sei an die Kundgebung am 17. Juli 1932 in Beuthen mit Tausenden Teilnehmern, an der auch Ernst Thälmann teilnahm. Jenseits der Grenze im polnischen Teil war es auch nicht ruhig. Davon zeugen die Streikwellen aus den Jahren 1923-24,. 1929, 1932 und 1936. Es kam auch zu massenhaften Protesten der Arbeitslosen. Im Februar 1935 drohten Kumpel der Zeche „Szczęście Luizy” mit kollektiven Selbstmord, um ihre Arbeitsplätze zu verteidigen.
Dieser wichtige Teil der Geschichte Oberschlesiens wartet darauf erinnert und aufgearbeitet  zu werden.


*Hier im Original:  Do sprośnego (prostego – przyp. DZ) narodu należał tak samo chłop-niemra (Niemiec) z głubczyckiej okolicy, jak i chłop-krawak z hulczyńskiego kraju (a więc Czech), tak samo górnik z Tarnowskich Gór, jak pampuń z „goli” pod Białą Prudnicką, albo kobylorz spod Świętej Anny. Ale szlachcic albo mieszczanin nigdy nie należał do narodu, obojętnie, jakim on mówił językiem, anielskim, czy diabelskim”.


Aus dem Polnischen: Norbert Kollenda

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